Lesetipp
«Zerbricht der Westen?»
von Rudolf Wyder | Dezember 2017
Der Westen hat nach dem Urteil von Heinrich August Winkler den Zenit seiner Weltgeltung längst überschritten. Zerbricht er gar in den aktuellen Wirrungen? Die Analyse des renommierten Historikers rüttelt auf.  

Anknüpfend an seine monumentale, vierbändige «Geschichte des Westens» analysiert der deutsche Historiker Heinrich August Winkler die aktuellen Entwicklungen in der westlichen Staatenwelt. Er zeichnet Krisen und Verwerfungen in der EU, in den Vereinigten Staaten von Amerika und im transatlantischen Verhältnis nach und fragt sich, ob ein Vierteljahrhundert nach dem Kollaps der Sowjetunion nun die westliche Welt vor dem Zusammenbruch steht.

Es ist keine geringe Herausforderung, die jüngste Geschichte bis an die Schwelle der Tagespolitik ordnend und kommentierend heranzuführen, das Wichtige aus dem Wust des Episodischen herauszufiltern, längerfristige Trends von bloss Ephemerem zu scheiden. Ein Hochseilakt ist es, zumal für den Historiker, den Blick über die Wirrungen der Jetztzeit hinaus auf künftige Entwicklungsstränge und Handlungsoptionen zu richten und diese vor dem historischen Hintergrund zu bewerten. Winkler schafft die doppelte Parforceleistung mit Bravour. Entstanden ist ein lesens- und bedenkenswertes Panorama der aktuellen Herausforderungen, welche die westliche Welt zu bewältigen hat, soll das Zeitalter des liberalen demokratischen Rechtsstaates nicht bald schon historische Reminiszenz sein.

Die Lektüre rüttelt auf. Den einen mag sie entmutigen. Dem anderen wird sie Mut machen und Argumente an die Hand geben zu zielbewusstem politischem Handeln.

Über Nationalismus und politisches «Zuhause»
Die Epochenwende von 1989/90 steht für Winkler nicht allein für den Zusammenbruch des Sowjetsystems und die Überwindung der Nachkriegsordnung in Europa, sondern für eine Renaissance des Nationalstaates. In den mittel- und osteuropäischen Staaten wirkt die Erfahrung von Diktatur und Fremdherrschaft nach. Sie leistet dem Bedürfnis nach nationaler Selbstvergewisserung Vorschub. Auch in älteren EU-Mitgliedsländern ist der Nationalstaat das vorrangige politische «Zuhause» geblieben, dem sich Bürgerinnen und Bürger in höherem Masse solidarisch verbunden fühlen als der Union. Daraus ergibt sich für Winkler: «Eine Europäische Union, die die Nationen zu überwinden strebt, würde ihre eigenen Grundlagen zerstören. Sie kann die Nationen überwölben, indem sie die Aufgaben übernimmt, die die Nationalstaaten überfordern.» Für den Historiker steht aber fest: «Allein auf sich gestellt kann kein Mitgliedstaat der Europäischen Union sich im Zeitalter der Globalisierung behaupten.»

Eingehend zeichnet Winkler die jüngsten Krisen in Europa und das Auseinanderdriften Europas und der USA nach. Als «Geburtsfehler» des Euro diagnostiziert er die Schaffung der Währungsunion ohne politische Union. In Asyl- und Migrationsfragen plädiert Winkler für mehr Realismus. Er würdigt zwar die humanitären Beweggründe des «Wir schaffen das», geht mit der deutschen Bundesregierung aber hart ins Gericht für die pauschale Grenzöffnung und den Versuch, die europäischen Partner nachträglich in Pflicht zu nehmen: «Wenn die EU an der Asyl- und Flüchtlingsfrage nicht zerbrechen sollte, müsste ihr grösstes Mitgliedsland lernen, auf diesem sensiblen Gebiet weder sich selbst noch andere zu überfordern.»

Einen konsequenzenreichen Bruch mit der bisherigen Politik der Vereinigten Staaten sieht Winkler in Trumps «America first». Die US-Demokratie werde den Dilettanten im Weissen Haus überleben, der moralische Schaden für den gesamten Westen sei indes immens. Die Selbstisolierung der USA zwingt Europa, vermehrt selbst für seine Sicherheit zu sorgen und für seine liberalen Werte einzustehen. Das ist Herausforderung und Chance zugleich.

Breiten Raum widmet der Autor den immer dreisteren autoritären Bewegungen in östlichen Mitgliedstaaten der EU: «In der EU prallen Bewusstseinslagen aufeinander, die aus ganz unterschiedlichen Zeitschichten stammen. Während die westeuropäischen Demokratien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer «multikultureller», in jedem Fall aber multiethnischer wurden, verharrten die «sozialistischen Staaten» in einem Zustand der Abschottung gegenüber dem, was sich im Westen als «Globalisierung» vollzog.» Die von Orban, Kaczynski und Co. propagierte «illiberale Demokratie» ist für Winkler ein Wiederspruch in sich selbst, den die Union nicht tolerieren kann ohne ihr normatives Fundament preiszugeben.

Am Scheideweg
Man braucht nicht jedem Urteil Winklers zu folgen. So erschliesst es sich dem schweizerischen Leser nicht, inwiefern die Bevorteilung kleiner Mitgliedstaaten bei der Sitzverteilung im Europäischen Parlament dessen Legitimität mindern soll. Unwidersprochen kann man auch Winklers Einwände gegen die direkte Demokratie nicht lassen. Entscheidend sind jedoch die grossen Linien – die Meisterleistung eines Historikers, der mit sicherer Hand aufzeigt, dass eine Zivilisation am Scheidewege steht.

«Der globale Westen, der heute neben einem grossen Teil Europas die angelsächsisch geprägten Demokratien in Nordamerika, Australien und Neuseeland umfasst, hat den Höhepunkt seiner wirtschaftlichen, politischen und militärischen Weltgeltung seit langem hinter sich. Ob sein normatives Projekt seine weltweite Ausstrahlung bewahren kann, hängt vor allem vom Westen selbst ab.»

Heinrich August Winkler, Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika, Verlag C.H.Beck, München 2017, 493 Seiten, CH 38.90.
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