Kolumne
Sozialkapital und Aussenpolitik
von Daniel Brühlmeier | August 2014
Das soziale Kapital ist für den Zusammenhalt der Schweiz von grosser Bedeutung. Das zeigt der an der Universität Bern lehrende Politikwissenschaftler Markus Freitag eindrücklich in seinem neuen Buch «Das soziale Kapital» (Verlag NZZ, 2014). Nicht thematisiert darin ist die internationale Ebene, also die Dimension des Sozialkapitals für die Aussenpolitik der Schweiz. Ein Konzept gemeinschaftsbezogener Werte und Kooperationen kann aber auch in unserem Verhältnis zum Ausland hilfreich sein.

Doch zuerst einmal: Was ist Sozialkapital? Es ist sowohl ein Alltagsphänomen – sozialer Kitt, Beziehungen, Nachbarschaftshilfe u.ä. – als auch ein wissenschaftliches Konzept, das insbesondere der (auch empirischen) Analyse des Zusammenhalts einer Gesellschaft und des zivilgesellschaftlichen Engagements dient. Zentrale Kriterien und Kategorien sind die sozialen Netzwerke, einschliesslich der Vereine, und das Vertrauen.

Im Gegensatz zum klassischen (Geld)Kapital nimmt das soziale Kapital durch den Gebrauch nicht ab: Im Gegenteil: es wächst und ist gemeinsinn- und identitätsstiftend. Von den Vorzügen dieses Gemeinsinns schweizerischer Prägung wusste bereits Friedrich Schiller zu berichten, der mit Stauffachers «Verbunden werden auch die Schwachen mächtig» dem Gründungsmythos der Eidgenossenschaft zur Blüte verhalf. Zweiter Unterschied zum konventionellen Kapital: Es ist nur schwer veräusserungsfähig und handelbar. Damit hat es teilweise Eigenschaften eines öffentlichen Gutes, dessen Nutzen nicht vollständig privatisiert werden kann.

Man kann die Aspekte des Sozialkapitals, das vor allem national untersucht und dann auf Länderebene verglichen wird, auch auf die internationale Ebene beziehen. Internationale Politik ist nämlich immer mehr Aushandlung, bi- und multilateraler Austausch in Netzwerken, in denen letztlich internationales Sozialkapital gebildet wird. Was sind nun die Parallelen?

Fremdvertrauen gilt als «Herzstück des Sozialkapitals» und Schlüsselressource für die Entwicklung moderner Gesellschaften. Dies immer mehr auch auf internationaler Ebene: Mir scheint, wir täten gut daran, dies in unseren Beziehungen zum Ausland und insbesondere zur Europäischen Union nicht aufs Spiel zu setzen.

Die Sozialkapitaltheorie kennt abgrenzende, aber auch brückenbildende Vereine. Letztere sind heterogen zusammengesetzt und nehmen eine Vielfalt unterschiedlicher Mitglieder auf, die nicht in allem einer Meinung sein müssen, sondern nur in der Verfolgung der Hauptanliegen des Vereins. Auch das gilt immer mehr auch international. Ganz allgemein wird da Toleranz als Fähigkeit und Leistung der Urteilskraft geübt, eine mir widerstreitende Meinung ablehnen –, aber gleichzeitig das Gegenüber als Person oder Institution akzeptieren und respektieren zu können. Man kann sich füglich fragen, ob diese Tugend in der Schweiz, und gerade im Verhältnis zum Ausland, genügend gut entwickelt ist.

Gut sind wir in der Aussenpolitik zuweilen in der Pflege einer der Schattenseiten des Sozialkapitals, nämlich in der Gruppenkonkurrenz und dem Ausschluss Aussenstehender resp. der Bevorzugung von Gruppenmitgliedern. Nicht selten paart sich dann dieses übersteigerte Wir-Gefühl mit Hybris: «Wir werden Weltmeister!», «Wir sind der EU politisch und moralisch überlegen», u.ä. Und weil es nicht genügt, nach Aussen abzugrenzen, reflektiert sich das dann nicht selten auch noch in einem innenpolitischen Freund/Feind- Denken: «Romands sind schlechtere Patrioten», «Wer nicht unserer Meinung ist, ist ein Landesverräter».

Und: Natürlich können wir den sogenannten «Alleingang» gehen und damit auf die Bildung internationalen Sozialkapitals verzichten. Dann sind wir dort, wo der amerikanische Sozialkapitalforscher Robert Putnam seinen Forschungen zum Niedergang des Sozialkapitals eine eindrucksvolle Formel verliehen hat: Wir kegeln alleine.
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