Lesetipp
Transnationale Geschichte der Schweiz
von SGA-Vizepräsident Rudolf Wyder | Juli 2020
Vernetzung über Grenzen hinweg, internationaler Austausch, Interdependenz sind keine neuen Phänomene. Sie gehören mindestens so sehr zur Geschichte des schweizerischen Raumes wie Abgrenzung, Absonderung und Selbstgenügsamkeit.

«Die Geschichte der Schweiz ist lange Zeit im Zeichen der Besonderheit, des Sonderfalls, geschrieben worden», halten die Herausgeber des Bandes «Transnationale Geschichte der Schweiz» eingangs fest. Doch immer häufiger verabschieden sich Historikerinnen und Historiker von der klassischen, auf das Besondere und Trennende konzentrierte Nationalgeschichte und gehen dazu über, auf das grenzüberschreitende Gemeinsame, die Vernetztheit, den Austausch, die «geteilte Geschichte» zu fokussieren. Ein prominentes Beispiel hierfür ist André Holensteins Darstellung von Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte («Mitten in Europa»). Standard der Historiographie ist diese weitere Optik und Methodik freilich noch nicht – Allgemeinwissen erst recht nicht!

Der neueste Band des Schweizerischen Jahrbuchs für Wirtschafts- und Sozialgeschichte bietet grundlegende Artikel zu Stand, Bedeutung und Methodik der «transnationalen Geschichte» und dazu einen bunten Strauss von Fallstudien aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Wer eine Gesamtdarstellung der transnationalen Geschichte der Schweiz erwartet, wird enttäuscht. Wer Einblicke in konzeptionelle Überlegungen und in den aktuellen Forschungsstand gewinnen will und wer Kostproben sektorieller Studien zu schätzen weiss, kommt auf seine Rechnung.

Transnationale Geschichte setze die auf sich selbst bezogenen Nationalstaaten in Zusammenhang und analysiere die Interaktionen zwischen ihnen, bringt Jakob Tanner das Anliegen auf den Punkt. Es gehe darum, «den Container (National-)Staat als privilegierten Gegenstand der Historiographie aufzubrechen», formuliert es ein anderer Autor. Priorität haben Beziehungen, Verbindungen, Kontakte und Austauschprozesse von Personen, Dingen und Ideen zwischen Staaten, Kulturen und Kontinenten.

Illustrative Anwendungsfälle
Eine der informativen Fallstudien gilt der Zürcherischen Seidenindustrie und ihren «Ablegern» im Grossraum New York im Zeitraum 1880-1914. Roman Wild macht augenfällig, dass in diesem Fall (wie in anderen Fällen multinational operierender Konzerne) nationalstaatliche Klassifikationsmuster am Kern vorbeiführen. Wer wessen Ableger ist, schwankt gemäss Konjunktur und Fragestellung. Kosmopolitismus und nationalstaatliche Verortung schliessen sich nicht aus, sondern stehen in produktiver Dialektik. «Namentlich die Zürcher Seidenindustriellen wussten um die suggestive Mehrdeutigkeit nationaler Etiketten und setzten diese (…) in strategischer Absicht ein». Weltläufigkeit und Engagement in Auslandschweizer Institutionen gehen Hand in Hand. Schweizer Berufsbildung war schon im 19. Jahrhundert eine mit Erfolg ausgespielte Trumpfkarte. Eindrücklich illustriert die Studie den Konnex zwischen Wirtschaftsexpansion und Auswanderung einerseits, Internationalität und Innovation andererseits.

Alexandra Binnenkade fragt in ihrem Essay über Schweizerbürger, die im Amerikanischen Bürgerkrieg mitkämpften, nach den Potentialen eines neuen, transnationalen Blicks auf bereits gut erforschte Themen. Sie spürt Bezügen nach zwischen der Erfahrung des Sonderbundskrieges und dem Engagement aufseiten der Union oder (seltener) der Südstaaten, zwischen der Erfahrung des US-Bürgerkriegs und den weiteren Lebenswegen dies- oder jenseits des Atlantiks, zwischen dem Narrativ der «sister republics» und dem Blick auf die Ebene der «brothers in arms».

Im Beitrag «Transnationale Geschichte der Printmedien in der Schweiz, 1400 – 1800» demonstriert Andreas Würgler, dass der Ansatz auch auf die Zeit vor dem 19. Jahrhundert, der Kristallisationsperiode des modernen Nationalismus, überzeugend und gewinnbringend angewandt werden kann. Der schweizerische Raum sei zwar nicht das Epizentrum des Austauschs von Reproduktionstechniken, Vertriebsnetzen und Druckprodukten gewesen, «aber er partizipierte aufgrund seiner transnational ausstrahlenden Druckzentren (Basel, Genf, auch Zürich), seiner Mehrsprachigkeit und seiner Bikonfessionalität, seiner vielfältigen und multidirektionalen ökonomischen Verflechtungen, seiner politischen Fragmentierung und seiner geostrategischen Transitlage an sehr vielen Dimensionen des transnationalen Kulturtransfers, der mit der europäischen Expansion globale Dimensionen erreichte».

Schweizergeschichte – transnationale Geschichte: kein Widerspruch
Nicht minder lesenswert sind die anderen Aufsätze, deren thematische Bandbreite von der Globalisierung der Schule in einem ländlichen Kanton (Freiburg) über die Schweiz als Drehscheibe maoistischer Propaganda und zu internationalen Finanzbeziehungen bis hin zur Luzerner Kulturdiplomatie reicht.

«Wir hoffen», schreiben die Herausgeber dieses lesenswerten dreisprachigen Sammelwerks, «dass die Überwindung einer eng gefassten nationalen Erzählung eines Tages dazu führen wird, dass wir den Begriff der ‘transnationalen Geschichte der Schweiz’ nicht mehr als Oxymoron verstehen werden, also als rhetorische Figur aus zwei widersprüchlichen Aussagen, sondern als Pleonasmus.» Die Historiographie hätte damit aufgeschlossen zu Erfahrungen und Einsichten vieler aussenpolitischer Akteure, für die Vernetzung und Interdependenz eine Selbstverständlichkeit sind – oder zumindest sein sollten.

Nathalie Büsser, Thomas David, Pierre Eichenberger, Lea Haller, Tobias Straumann, Christa Wirth (Hg.), Transnationale Geschichte der Schweiz, Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 34, Chronos Verlag, Zürich 2020. 288 Seiten, CHF 38.00
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