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CERN bestraft Russland – mit Folgen

von Von Philippe Mottaz / Geneva Observer* | März 2024
CERN, die Europäische Organisation für Nuklearforschung bei Genf, hat die Zusammenarbeit mit Russland und Belarus beendet. Die Massnahme betrifft hunderte von Wissenschaftlern und versetzt in den Augen vieler von ihnen der Gründeridee «Wissenschaft für den Frieden» einen grossen Rückschlag.

Im Glauben, dass internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit eine Triebkraft für internationale Kooperation überhaupt ist, wurde 1954 CERN, die europäische Organisation für Nuklearforschung, gegründet. Ihr inoffizielles Motto war «Science for peace». Diese Gründeridee ist am 15. Dezember vergangenen Jahres der härtesten Prüfung seit dem 70jährigen Bestehen von CERN unterzogen und nach einigen Ansichten vielleicht unheilbar beschädigt worden. An diesem Tag beschloss der CERN-Rat, das Führungsorgan der Mitgliedsstaaten, die auslaufenden Kooperationsverträge (Joint Cooperation Agreements, JCA) mit Russland und Belarus nicht zu erneuern. Die Massnahme betrifft hunderte von CERN-Wissenschaftern und -Wissenschafterinnen mit russischer und  belarussischer Nationalität.

Dem Entscheid gingen monatelange Diskussionen hinter den Kulissen voraus. Gegenüber standen sich eine wissenschaftliche Gemeinschaft, die überzeugt war, dass internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit selbst zu Zeiten grosser politischer Spannungen eine Triebkraft für den Frieden ist,  und europäische Regierungen, die in der Idee vereint waren, dass Russland für seinen Angriff auf die Ukraine scharf bestraft werden solle. Die Wissenschaft verlor: Die Mehrheit für eine Beendigung des internationalen Kooperationsvertrags mit der Russischen Föderation war überwältigend. “Geneva Observer” kann enthüllen, dass in geheimer Abstimmung bei erforderlicher Zweidrittelsmehrheit, 17 Ratsmitglieder gegen eine Fortführung der Kooperationsverträge stimmten. Ungarn, Israel, Italien, Serbien, Slowakei und die Schweiz enthielten sich. Frankreich, neben der Schweiz der andere Gaststaat von CERN – stand auf der Seite der Mehrheit.

Ich war neugierig zu erfahren, was Moskau über die Stimmenthaltung der Schweiz denkt. «Die Schweiz hat uns nicht signalisiert, dass sie auf dem Feld der Wissenschaft eine Partnerschaft von gleich zu gleich aufrechterhalten will», antwortete ein Sprecher per WhatsApp. «Was innerhalb des CERN-Rats geschieht, ist uns verborgen, und wir können nicht nachprüfen, welche Länder die Aufrechterhaltung wissenschaftlicher Beziehung unterstützen. Solche Signale kommen durch bilaterale Kanäle».

Heute scheint sich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft ein breiter Konsens zu bilden, dass der Entscheid des Rats vom 15. Dezember für CERN das Ende einer Ära bedeutet und die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit bei grossen Projekten der Teilchenphysik bedeutend komplizierter geworden ist. «CERN wurde als Kraft für den Frieden geschaffen», sagte mir John Ellis, ein führender Forscher der Teilchenphysik und Professor am King’s College in London, der 38 Jahre für CERN gearbeitet hat. «Das wurde über Bord geworfen. Von nun an kann friedliche wissenschaftliche Zusammenarbeit aus politischen Gründen beendet werden».

Sanktionsdruck in Genf

Das Internationale Genf begann unmittelbar nach der Invasion der Ukraine vor zwei Jahren, Moskau mit Sanktionen zu belegen. Russland wurde de facto aus dem UNO-System ausgeschlossen. Seine Mitgliedschaft im Menschenrechtsrat wurde suspendiert und auf Beobachterstatus zurückgestuft. Die Weltgesundheitsorganisation WHO siedelte ihr Büro in Moskau nach Kopenhagen um. Andere Spezialorganisationen schlossen russische Experten von technischen Treffen aus und ergriffen verschiedene Massnahmen, um Russland zu isolieren. Diese Sanktionen, so bestätigten mir diplomatische Quellen über viele Monate, wurden gemäss einem vorherrschenden Konsens ergriffen, dass der Konflikt kurz sein werde und nach seinem Ende leicht rückgängig gemacht werden konnten. «Wir trugen immer Sorge, gezielte Sanktionen zu ergreifen. Wir versuchten nicht, Russland aus dem multilateralen System auszuschliessen,» sagte mir ein höherrangiger europäischer Diplomat über die ersten Wochen nach der Invasion.

Im CERN war der Druck, Moskau  zu bestrafen, nicht minder intensiv. «Aber wir wussten von allem Anfang an, dass die Konsequenzen von Russland-Sanktionen bei CERN völlig anders sein würden als bei jeder anderen Organisation», sagte mir ein höherrangiger westlicher Diplomat. In der vorherrschenden Stimmung seien diese Konsequenzen jedoch «nicht voll analysiert» worden.

Die Beziehung von CERN mit der damaligen Sowjetunion geht auf die 50er Jahre zurück, als CERN-Wissenschafter sowjetische Kollegen im Atomforschungszentrum von Dubna bei Moslkau (Joint Institute for Nuclear Research,(JINR) besuchten. JINR, ein internationales Forschungszentrum, war als sowjetische Antwort auf CERN gegründet worden, und seine Mitgliedschaft besteht zumeist aus Ländern des früheren Ostblocks. Im März 2022 wurde jegliche neue Zusammenarbeit zwischen CERN und JNIR  suspendiert,  und CERN hat bereits angekündigt, sein bestehendes, im Januar 2025 auslaufendes Abkommen mit dem Institut zu überprüfen. Wenig später weitete der CERN-Rat die Suspendierung auf Drängen ukrainischer Wissenschaftler und Alliierter der Ukraine aus. Viele CERN-Mitgliedsstaaten, mit Deutschland in Führung, hatten damals die wissenschaftliche Zusammenarbeit russischen Labors und Institutionen bereits zurückgebunden. «Wenn wir bei unseren Vorgesetzten Einwände gegen die Sanktionen erhoben, gab es keine wirklichen Diskussionen, und es wurde uns gesagt, das seien politische Entscheide», sagte mir Sasha Glazov, ein russischer Wissenschafter, der in Deutschland arbeitet. In der Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende versicherte der CERN-Rat,  die Lage genau zu verfolgen. Aber als der Krieg sich hinzog wurden die Auseinandersetzungen im Wesentlichen politisch. «Die Stimme der wissenschaftlichen Gemeinschaft wurde übertönt», sagte mir ein prominenter, europäischer Wissenschafter von internationalem Ruf. «Unsere Argumente wurden einfach nicht gehört».

Das Science4Peace Forum, eine in Hamburg und Genf gegründete Initiative lancierte am 1. Mai 2022 eine Petition gegen die Einschränkungen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Darin heisst es:  «die gegen Wissenschafter ergriffenen Sanktionen sind kontraproduktiv, sie üben keinen Druck auf die russische Regierung aus, sondern erschweren und in einigen Fällen verunmöglichen die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern. Sie betreffen oft Kollegen, die unsere Verurteilung des Kriegs teilen, und ihr eigenes Wohlergehen gefährdet haben, indem sie ihre Meinung öffentlich ausdrückten.» In Genf hatte eine Gruppe russischer Wissenschaftler Moskaus Aggression wenige Stunden nach der Invasion in einer online petition verurteilt (die Namen wurden gelöscht, als Moskau begann, Dissidenten zu verfolgen).

55 russische Wissenschafter mission critical, 100 mit «Sicherheitsproblemen»

Als sie sich mit der Erneuerung der auslaufenden Kooperationsverträge zu befassen begannen, erhielten die 23 Mitlieder des CERN-Rats im Sommer 2023 vertrauliche Informationen über die Sachlage. Sie warfen ein grelles Licht auf die Bedeutung eines Hinauswurfs Russlands. Eine Auflistung enthüllte, dass im August 2023 rund 850 russische und belarussische Wissenschafter mit CERN zusammenarbeiteten, gegenüber rund 1000 zu Beginn des Krieges. CERN informierte den Rat auch, dass 55 dieser Wissenschafter als mission critical (entscheidend wichtig) für den Betrieb des Large Hadron Collider (LHC)– der grösste Teilchenbeschleuniger der Welt und das Kronjuwel von CERN - eingestuft waren. Gemäss einem Protokoll aus den neunziger Jahren beteiligt sich Russland finanziell daran, und russische Wissenschaftler arbeiten an on ATLAS, CMS, ALICE und LHCb, den vier grössten Experimenten mit dem Beschleuniger. Den Mitgliedsstaaten wurde so signalisiert, dass Europas grösste und erfolgreichste wissenschaftliche Institution die Schwächung ihrer wissenschaftlichen Überlegenheit riskierte, falls diese Wissenschafter durch die Terminierung der Kooperationsabkommen gezwungen würden, Genf zu verlassen, denn ihre Niederlassung in der Region hing von einem Arbeitsvertrag mit CERN ab. Eine parallele Sorge war, dass Kriegskritiker Repressalien gewärtigten oder Kriegsbefürworter sich bei einer Rückkehr nach Russland der Rüstungsindustrie anschliessen könnten. In meiner Recherche habe ich erfahren, dass CERN rund 100 Situationen identifizierte, die als «Sicherheitsprobleme» beschrieben werden.

Am 6. Oktober 2023 beschloss der CERN-Rat, sich mit dem Entscheid mehr Zeit zu lassen und ihn auf die letzte Sitzung des Jahres am 15. Dezember zu verschieben, wenige Tage vor der sechsmonatigen Kündigungsfrist der JCA-Abkommen. Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der russischen und belarussischen Wissenschafter bereits auf rund 500 gesunken, ein Drittel davon ständig Niedergelassene in der Region Genf.

Globale Auswirkungen: “Wir blicken auf Länder wie Südafrika”

Zwei Monate nach dem Entscheid des CERN-Rats bleibt es sehr schwierig, die Auswirkungen voll abzuschätzen, denn er hat die Dynamik der wissenschaftlichen Zusammenarbeit verändert. Ein führender Wissenschafter, der den Entscheid eng verfolgt hat, analysiert: «Etwa 12000 Wissenschafter aus über 110 Ländern arbeiten mit CERN zusammen. Es ist eine wahrhaft globale Organisation. Aber sein Rat widerspiegelt diese globale Dimension nicht. In gewissem Sinne ist der Entscheid schlicht ein Spiegel der Zusammensetzung eines Rats, der von europäischen Ländern dominiert wird». Ein anderer führender Angehöriger der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft sagte: «Kollegen und ich versuchen die negativen Auswirkungen des Entscheids auf die wissenschaftliche Gemeinschaft nach Möglichkeit abzudämpfen. Zum Beispiel müssen wir Wege finden, um sicherzustellen, dass der Dialog mit den Russen und Belarussen weitergeht, dass kein Wissenschafter gehindert wird, eine wissenschaftliche Konferenz zu besuchen. Wir blicken auf Länder wie Südafrika, die keine Restriktionen gegenüber Wissenschaftern kennen, um Konferenzen zu organisieren.».

Götz Neuneck, Ko-Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, sprach im vergangenen Jahr bei einem virtual panel über die Auswirkungen von Sanktionen vom «Doppelgesicht» der Wissenschaft. Sie kann «als Brücke über Grenzen, als Speerspitze der internationalen Verständigung dienen», aber «in extremen Fällen können wissenschaftliche Ergebnisse für militärische Zwecke missbraucht werden». Diese Doppelgesichtigkeit werde es immer geben, sagte Neuneck. «Sie wird nur durch Dialog, vorbeugende Massnahmen, technologische Abschätzungen und Gespräche über Rüstungskontrolle abgemildert werden. Wie viele politische Dokumente zeigen, steht die globale wissenschaftliche Gemeinschaft mehr und mehr vor der Herausforderung einer neuen geopolitischen Rivalität zwischen den USA, Russland und China. Ein Beispiel ist das anlaufende neue Wettrüsten zwischen diesen Supermächten.»

CERN steht jetzt klar im Epizentrum dieser Debatte.

********************************************************************Der vorliegende Text ist die frei übersetzte Kurzfassung eines längeren Artikels des Geneva Observer in englischer Sprache («The inside story of how CERN sanctioned Russia»). Philippe Mottaz ist langjähriger US-Korrespondent und später Chefredaktor von Radio Télévision Suisse. Er ist Gründer und Chefredaktor des Geneva Observer, einer online-Publikation, die sich nach journalistischen Kriterien mit dem Internationalen Genf befasst (Hinweis auf die neueste Ausgabe jeden Donnerstag auf unserer homepage).