Lesetipp
Entwicklungspolitik und Wachstumsskepsis
von Christoph Wehrli | August 2020
Die Dritte-Welt-Bewegung habe sich früh vom Ziel verabschiedet, die Entwicklungsländer wirklich den Industrieländern anzunähern, und sich auf die Pflege eines kleinbäuerlichen Ideals verlegt. Diese These begründet Andrea Franc mit der Geschichte der «Erklärung von Bern» und des fairen Handels.

Ist das Ziel der Entwicklungspolitik letztlich nicht eine aufholende Modernisierung der armen Länder? Die Historikerin Andrea Franc erinnert an diese Frage, wenn sie die schweizerische Dritte-Welt-Bewegung in der Zeit von 1964 bis 1984 untersucht und einen grundlegenden Konzeptionswandel herausarbeitet. Organisationen wie die «Erklärung von Bern» (EvB, heute Public Eye) hätten sich von der Strategie der Industrialisierung abgewandt und sich, von der Umweltbewegung erfasst, weitgehend auf Kritik an internationalen Konzernen und die Propagierung einer konservativen Landwirtschaft verlegt. Der angestrebte gerechte Handel sei auf das individuelle Konsumverhalten reduziert worden.

Industrialisierung als Weg
Die EvB geht auf eine Erklärung zurück, mit der ein Kreis um engagierte Theologen 1968 dazu aufrief, zur Bekämpfung von Hunger und Elend in der Welt nicht nur mehr Hilfe zu leisten, sondern auch die Handelsbeziehungen und eigene Privilegien zu überdenken. Einen Hintergrund bildete die Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) von 1964. Deren Postulaten lag die Analyse zugrunde, dass sich die weltwirtschaftliche Position der Entwicklungsländer, die nur Rohstoffe exportierten, langfristig verschlechtere. Dass der Weg aus der Armut also über eine Industrialisierung führe, nahmen auch die Initianten der EvB an. Allerdings dachten Verfechter dieses Modernisierungskonzepts an eine möglichst eigenständige Entwicklung und an eine strenge Steuerung von Investitionen aus den wohlhabenden Ländern. Wenn hingegen neue einseitige Abhängigkeiten entstanden, weckten Aktivitäten von multinationalen Unternehmen Argwohn.

Andrea Franc konstatiert in der Dritte-Welt-Bewegung eine ziemlich generelle Abkehr vom Ansatz der ersten Unctad. Als Scharnier-Moment erscheint die Interkonfessionelle Konferenz Schweiz – Dritte Welt von 1970, an der die «Jugendfraktion» mit radikaleren Positionen Aufsehen erregte. Damals wurde die Formel geprägt: «In der Entwicklungspolitik kommt es weniger darauf an, mehr zu geben, als vielmehr weniger zu nehmen.» Verschiedene Organisationen und Aktionen befassten sich in den folgenden Jahren kritisch mit dem Fluchtkapital-Geschäft, mit fragwürdigen Praktiken schweizerischer Unternehmen in armen Ländern wie der Vermarktung von Babynahrung durch Nestlé und mit der Beteiligung an Grossprojekten wie Staudämmen – dies alles, wie die Autorin festhält, ohne andere Wege aufzuzeigen.

«Konservative» Wende
Einen Grund des Wandels sieht Franc in der Konstituierung der EvB als kampagnenbasierte NGO, die zur Mobilisierung geeignete Themen benötigte. Relativ abstrakte Fragen des Welthandels gerieten in den Hintergrund. Man wandte sich öfter an Konsumentinnen und Konsumenten, um ihr entwicklungspolitisches Bewusstsein zu schärfen und ihnen zugleich eine konkrete Handlungsmöglichkeit zu verschaffen. Im fairen Handel war allerdings das Ujamaa-Kaffeepulver aus Tansania das einzige industriell in Afrika hergestellte Produkt. Im Zug der Umwelt- und der Alternativbewegung gewann der Gedanke der Selbstversorgung – der Länder im Norden wie im Süden – an Gewicht. Statt Hindernisse für Importe, speziell den schweizerischen Agrarprotektionismus anzugehen, seien die EvB und weitere Aktivisten – dies der pointierte Befund – unter dem Ideal des Kleinbauern eine Allianz mit konservativen Kräften eingegangen. In ähnlicher Weise seien gewerkschaftliche Interessen geschont worden, die der Auslagerung von Arbeitsplätzen entgegenstanden. Der Satz von 1970 «Wir sind das Problem» galt demnach nicht mehr für die ganze Gesellschaft, sondern nur noch für die Wirtschaftselite.

Deutlich zeigt Franc, dass sich die Dritte-Welt-Bewegung in mehreren europäischen Ländern ähnlich entwickelte und grenzüberschreitend vernetzt war. Ebenso beleuchtet sie die zeitweise einflussreichen Strömungen in der Theorie wie Ernst Friedrich Schumachers «small is beautiful», das Plädoyer für die «Pluralität der Welten» (im Gegensatz zur Verwestlichung), das Modell von Zentrum und Peripherie (Gefälle auch innerhalb der Staaten in Nord und Süd) oder Dieter Senghaas’ Vorschlag der temporären, selektiven Abkoppelung.

Ein selektives Bild
Andrea Franc zeichnet so das pikante Bild einer Entwicklungspolitik, die ihren fortschrittlichen Impetus gewissermassen ins Gegenteil gewendet habe. Sie hat ihre Habilitationsschrift allerdings etwas eng und forciert auf den titelgebenden Abstieg «Von der Makroökonomie zum Kleinbauern» ausgerichtet; der Text ist nicht ohne polemische Töne, Ungenauigkeiten und Überspitzungen. Auf der einen Seite steht das Prinzip «Trade, not Aid», das die Autorin als Slogan der ersten Unctad bezeichnet – jene Konferenz lancierte aber vielmehr, im Sinn von «Handel und Hilfe», auch die Forderung eines Nord-Süd-Finanztransfers von einem Prozent des Volkseinkommens. Als Gegenpol wird das Kleinbauern-Leitbild hervorgehoben - und heruntergespielt, dass Tiersmondisten lange auf Kooperativen setzten.

Den (stets auch symbolischen) fairen Handel, den zuerst die EvB und ab 1977 eine breiter abgestützte Organisation betrieb, deutet Franc als Wechsel «vom aktiven Bürger zum passiven Konsumenten», während ebenso von einer dauerhaften Politisierung des Konsums zu sprechen wäre.  Ohne die Dritte-Welt-Bewegung zu definieren, berücksichtigt sie die ausgewogener und «positiver» als die EvB agierenden Hilfswerke nur punktuell. Dabei unterstellt sie ihnen eine geschlossene Opposition gegen den Beitritt der Schweiz zu IWF und Weltbank, den sie jedoch mehrheitlich befürworteten. Das ökologische Anliegen, das in den 1970er Jahren an Gewicht gewann, stellt Franc allzu kurzentschlossen in die Ecke der Antimoderne. In der Konzeption der nachhaltigen Entwicklung von Norden und Süden hat es inzwischen in der UNO-Agenda 2030 seinen Platz erhalten.

Aktuelle Relevanz ist dem Buch trotz dieser Einseitigkeit keineswegs abzusprechen. Die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit hat lange den ländlichen Raum in den Vordergrund gestellt, der für die Ernährung zentral ist, aber allmählich an Bedeutung einbüsst. In seiner neuen «Strategie» nennt der Bundesrat als einen der Schwerpunkte die Schaffung von Arbeitsplätzen. Das Wort «Industrialisierung» findet sich nicht. Über diese und über ihre Art wäre nun aber zu diskutieren.

Andrea Franc: Von der Makroökonomie zum Kleinbauern. Die Wandlung der Idee eines gerechten Nord-Süd-Handels in der schweizerischen Dritte-Welt-Bewegung (1964-1984). De Gruyter, Oldenburg. 274 S., ca. Fr. 75.-. Gratis-Download.
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