Lesetipp
Jakob Kellenberger – Diplomat und mehr
von Christoph Wehrli | November 2019
Jakob Kellenberger war in den 1990er Jahren der Kopf der Schweizer Europadiplomatie und danach zwölf Jahre Präsident des IKRK. René Sollberger unternimmt eine biografische Annäherung an die nun 75jährige Persönlichkeit.

Wie wichtig sind Individuen, wie wichtig Konstellationen, Ämter und Strukturen? Im Fall von Jakob Kellenberger tritt vorerst gewiss der unverwechselbare Charakter hervor. Äusserlich entspricht er mehr dem Bergler- oder dem Philosophen- als dem Diplomaten-Klischee. Er ist nachdenklich und zugleich gestaltungswillig, menschenfreundlich, aber auch von intellektueller Schärfe, oft schalkhaft, stets glaubwürdig. Man kann die Person indes nicht von ihrem Engagement und ihren Wirkungsfeldern trennen. Kellenberger leitete das Integrationsbüro, war Stellvertreter des Delegationschefs Franz Blankart in den Verhandlungen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und koordinierte als Staatssekretär die Aushandlung der sieben Bilateralen – selber der Überzeugung, dass der Platz der Schweiz in der EU wäre. Von 2000 bis 2012 war er Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK).

Tagebücher als Quelle
Mit dem Buchprojekt habe Kellenberger «immer wieder gehadert», schreibt der Publizist René Sollberger als Autor im Vorwort. Nicht nur er betont die Bescheidenheit des Porträtierten, der nach eigenen Worten «nicht ohne Ehrgeiz» ist. Allerdings kann man zudem vermuten, dass dem ehemaligen Spitzendiplomaten anderes in höherem Mass mitteilenswert schien als etwa, dass er auf einer Bergtour festes Schuhwerk und einen hellblauen Rucksack trug. Sollberger stützt sich vor allem auf Gespräche mit der Hauptperson und auf deren umfangreichen Tagebücher, wobei er auf das Diskretionsbedürfnis Rücksicht nimmt.

Er widmet sich einerseits der Person, ihrer Grundhaltung und Arbeitsweise, schildert anderseits «reportageartig» (d.h. meist ohne dabei gewesen zu sein) wichtige Momente von Kellenbergers Wirken. Dazu gehören die Schlussphasen der beiden Verhandlungen mit der EU und Reisen in Einsatzgebiete des IKRK wie Afghanistan, Sudan oder Israel/Gaza. Mit seinen Feldbesuchen teilte Kellenberger wenigstens exemplarisch die Risiken der Delegierten und gewann direkte Informationen als Grundlage für seine Forderungen an die Konfliktparteien. Am schwierigsten sei es gewesen, die Beziehungen zu den USA zu gestalten, die wegen ihrer Gefangenenlager klar kritisiert werden mussten, zugleich einen Viertel des IKRK-Budgets tragen – mit einer Kürzung der Zahlungen hätten sie damals aber nie gedroht.

Die Gegenseite verstehen
Erstaunlich an Kellenbergers Laufbahn ist nicht zuletzt, dass er, der französische und spanische Sprach- und Literaturwissenschaft studiert hatte, sich bestens in den handelspolitischen Fragen auskannte, mit denen er sich lange zu befassen hatte, und dass er sich dann ebenso intensiv mit den Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft konfrontierte. Er spricht von einer zweiten Seele als Macher, der etwas bewirken will. Zwischen Denken und Dienen sehe er eigentlich keinen Widerspruch, antwortete er einmal auf die Journalistenfrage, ob er Vordenker oder Staatsdiener werden wolle. Die abendliche Beschäftigung mit Literatur und Philosophie war offenbar ein Weg, Distanz zum Tagesgeschehen zu gewinnen und so zu einem guten Urteil zu gelangen. Stets trägt er ein Büchlein bei sich, in dem er Lieblingsgedichte und andere Texte notiert hat.

Wenn Literatur die Augen dafür öffnet, «dass es im Leben ganz unterschiedliche Perspektiven gibt», schult sie den Verhandler darin, der Gegenseite zuzuhören und sie zu verstehen. Diese Fähigkeit ist Kellenberger wichtig, ebenso betont er aber, dass er selbst in schwierigen Situationen klare Standpunkte vertreten habe. Als der sudanesische Machthaber Omar al-Baschir dem IKRK keine angemessene Tätigkeit in Darfur ermöglichen wollte, drohte Kellenberger, nicht ohne Risiko, mit dem totalen Rückzug aus dem Gebiet. Der hohe Stellenwert von Wahrheit und Genauigkeit mag wiederum einen «antipolitischen» Zug erklären, den Widerwillen gegen hohle Rhetorik und gegen überholte Selbstbilder der Schweiz. Als IKRK-Präsident hat er übrigens Generäle als Gesprächspartner «schätzen gelernt, mehr als die Politiker».

Erfolge und Enttäuschungen
War Kellenberger «praktisch in allem erfolgreich», wie der Verfasser bilanziert? Er führte die bilateralen Verhandlungen mit der EU zu einem 2000 auch vom Volk für gut befundenen Abschluss. Die Verträge sind für ihn eine bessere Konstruktion als der EWR, in dem die Schweiz ihre Interessen nur als Teil der Efta-Gruppe hätte vertreten können. Das Hauptanliegen aber war die Mitgliedschaft in der EU, und Kellenberger soll 1992 den knappen Entscheid des Bundesrats, in Brüssel um Beitrittsverhandlungen zu ersuchen, «massgeblich» beeinflusst haben. Ein Erfolg wurde daraus bekanntlich nicht. Wichtig bleibt aber eine über die nationalen Wirtschaftsinteressen hinausreichende Perspektive. Im Fall des IKRK hat die Erfolgsmessung zu beachten, dass viele Konflikte komplexer geworden sind und ein immer aufwendigeres diplomatisches wie auch materielles Engagement für Humanität verlangen. Fest steht, dass die Rotkreuztätigkeit stark ausgebaut wurde.

René Sollberger bietet einem breiten Publikum das Porträt eines besonderen Diplomaten und viele sachliche Einblicke. Sein Ziel war es offenbar nicht, die Entwicklung des IKRK als Schutz- und wachsende Versorgungsorganisation ebenso wie die schweizerische Aussen- und Europapolitik etwas tiefergreifend zu behandeln. Das kann man bedauern. Jakob Kellenberger wäre kritischen Fragen sicher nicht ausgewichen.

René Sollberger: Jakob Kellenberger. Zwischen Macht und Ohnmacht. Annäherung an einen Diplomaten. NZZ Libro, Basel 2019. 223 S., Fr. 34.-.
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