Kolumne
Entwicklungszusammenarbeit aus privatwirtschaftlicher Sicht
von Rudolf Ramsauer | Oktober 2015
Fortschritte auf dem Weg zu den Nachhaltigkeitszielen benötigen möglichst kohärente Beiträge von staatlichen Akteuren, NGO und der Privatwirtschaft. Dieser strategische Ansatz, der sich auch in der neuen Botschaft des Bundesrats zur Entwicklungszusammenarbeit zeigt, ist aus Sicht langfristig agierender Unternehmen zu begrüssen.

Es gibt viel Positives zu vermelden über die globalen Entwicklungstrends der letzten Jahrzehnte:
Der Anteil der Ärmsten an der Weltbevölkerung ist deutlich gesunken (d.h. der Anteil der Personen, die mit einem Einkommen von weniger als 1.25 US-Dollar pro Tag auskommen müssen). Dank besserer Hygiene und medizinischer Versorgung hat die Kindersterblichkeit massiv abgenommen. Verschiedene der UNO-Millenniumsziele werden bis Ende 2015 erreicht werden. Wieviel die eigentliche Entwicklungszusammenarbeit zu diesen erfreulichen Ergebnissen beigetragen hat, ist kaum zu quantifizieren, sicher kann sie sich aber manchen Erfolg an die Fahne heften.

Deswegen darf nicht die Tatsache ausgeblendet werden, dass immer noch 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen und 660 Millionen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben; und im Bereich der Sanitärversorgung sind die Zahlen noch viel dramatischer. Dies ist nicht akzeptabel und zeigt, wie vieler Anstrengungen es noch immer bedarf, ganz abgesehen von den sich neu aufbauenden Problemen aus Demografie, Wassermangel, Klimawandel, Urbanisierung, Migration etc.

Einbezug mehrerer Akteure

Sowohl in den Kommentaren über die jüngst in New York ausgehandelten 17 globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDG) respektive die sogenannte Agenda 2030 wie auch in den Vorarbeiten zu den neuen Rahmenkrediten für die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz wird gern von einem Paradigmenwechsel gesprochen. Damit ist offiziellerseits die Gleichbewertung der drei Nachhaltigkeitsdimensionen Wirtschaft, Soziales und Umwelt gemeint sowie die Fokussierung auf den Begriff der «inklusiven Entwicklung».

Aus meiner Erfahrung besteht der Paradigmenwechsel der letzten Jahre in erster Linie im Übergang zu einem wirklichen Multistakeholder-Ansatz, womit ich nun weniger die Einbindung von Anspruchsgruppen meine als vielmehr den Einbezug verschiedener Akteure, vorab natürlich der Privatwirtschaft. Da hat ein gewaltiger Wandel stattgefunden, und zwar auf allen Seiten. Bei einem Besuch der Beratenden Kommission des Bundesrates für Internationale Zusammenarbeit bei der UNO in New York im letzten Jahr war dies fast überall zu spüren. Die Gespräche drehten sich immer wieder um die Ressourcen und Kompetenzen, die von NGO, Regierungsorganisationen und eben auch privaten Firmen eingesetzt werden können, um konkrete Probleme zu lösen und damit auf dem Weg zu den SDG voranzukommen. Nur noch ideologisch fixierte Funktionäre verweigerten sich dieser pragmatischen Denkweise.

Umgekehrt schliessen auch Firmen in ihren Investitionsentscheiden heute viel expliziter gesamtgesellschaftliche und «community»-Kriterien ein, neben den blossen finanziellen Kennziffern. Das allgemein längerfristige Denken, das nach der Finanzkrise nun bei vielen Unternehmen Einzug gehalten hat, fördert nachhaltiges Investieren und das Interesse an einem stabilen, konsensuellen globalen Rahmen. Es geht hier nicht um billige Imagepflege, sondern um harte langfristige Unternehmensinteressen in einer politisch zusehends volatileren Welt.

Gewiss wäre es uns lieber gewesen, wenn die SDG auf einige wenige beschränkt worden wären. Aber das war der Preis für deren Universalität. Einen verbindlichen Rahmen für die zukünftigen globalen Prioritäten zu haben, ist auch für Unternehmen als Orientierungsvorgabe besser als gar nichts. Entscheidend werden nun die noch zu definierenden Erfolgsindikatoren und das objektive Monitoring sein.

Wir haben bei Nestlé eine Abgleichung mit unseren eigenen 38 sozialen Verpflichtungen,
über die wir im Jahresbericht Rechenschaft ablegen, vorgenommen. Dabei haben wir festgestellt, dass wir durch die Unternehmensaktivitäten zu praktisch allen SDG beitragen können, in besonderem Masse aber zu Ziel 2 («End hunger, achieve food security and improved nutrition and promote sustainable agriculture») sowie zu Ziel 3 («Ensure healthy lives and promote well-being for all at all ages»). Der Schweizer Verhandlungsdelegation ist es auch gelungen, die «Verfügbarkeit und das nachhaltige Bewirtschaften von Wasser und Sanitärversorgung für alle» als eigenständiges Ziel zu verankern. Dies ist sehr zu begrüssen, denn Wasser ist schon heute die kritischste natürliche Ressource.

Aber nicht nur auf der strategischen Makroebene wird die Kohärenz von Zielen unterschiedlicher Akteure zunehmend wahrgenommen, konsensfähig und ausformuliert. Zahlreiche bereits laufende Progamme von Firmen, Regierungen und NGO zeigen dies. Um beim Beispiel Nestlés zu bleiben: Ein mehrjähriges von Nestlé finanziertes Programm mit der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) in Westafrika hat zum Ziel, sauberes Trinkwassser und Toiletten in Dörfern bereitzustellen, wo wir auch Schulen bauen und von den Bauern den Kakao abnehmen. Solche Projekte haben allerdings einen stark philanthropischen Charakter, weshalb sie nur beschränkt multiplizierbar sind. Hingegen entspringt die Partnerschaft mit dem vietnamesischen Landwirtschaftsministerium und der DEZA zur effizienten Wassernutzung direkt der Unternehmenstätigkeit: Die Bewässerung im Kaffeeanbau wird um 60 Prozent verringert, was bei 50‘000 Bauern ein zusätzliches Einkommen von umgerechnet je 240 Franken und insgesamt eine Wassereinsparung bewirkt, welche dem Bedarf von 2,5 Millionen Personen entspricht. Dieses Projekt verdeutlicht, was mit der Unternehmensphilosophie der «Gemeinsamen Wertschöpfung» (Creating Shared Value) gemeint ist.
Dass private Kapitalflüsse, nebst den sehr ins Gewicht fallenden Remittances (Überweisungen von Migranten), eine zentrale Variable in der Entwicklungsfinanzierung sind, gibt folgende Graphik aus dem letztjährigen Bericht des DAC/OECD über die Entwicklungszusammenarbeit wieder (ODA: öffentliche Entwicklungshilfe):

Grafik: The relative weight of ODA in external financing to developing countries, 2000-11
Nestlé

Die reale Bedeutung der Privatwirtschaft an sich ist also nichts Neues. Neu ist die den Privatsektor explizit miteinbeziehende globale Entwicklungsstrategie.

Nachhaltigkeit setzt Institutionen voraus

Der Entwurf der Botschaft zu den neuen Rahmenkrediten der Schweiz trägt dieser Erweiterung der internationalen Zusammenarbeit durchaus Rechnung: Der Mobilisierung privater Ressourcen - sowohl internationaler wie besonders auch lokaler Firmen – wird grosse Bedeutung beigemessen. Dass es dafür auch Kriterien und klarer Leitplanken bedarf, ist unbestritten. Wie im Botschaftsentwurf geschrieben wird, sollen öffentlich-private Partnerschaften (PPP) Lösungen auf dem Terrrain ermöglichen, die keiner der Partner allein erbringen kann. PPP sind nicht Selbstzweck, sondern sollen eine «nachhaltige», «effiziente» und «schnellere» Zielerreichung herbeiführen.
Die Erwartung an die privaten Partner, dass mit PPP auch die «Inklusion» von sozial schwachen Bevölkerungsgruppen gefördert wird, ist verständlich.

Aus Unternehmensperspektive wäre beizufügen, dass die staatliche Seite sich zur Aufgabe machen sollte, in den Empfängerländern prioritär beim Aufbau verlässlicher Institutionen zu helfen, die eine minimale Rechtssicherheit gewährleisten und langfristiges Investieren erst erlauben. Dies wäre ein entscheidender Beitrag zu echter Nachhaltigkeit.

Zum Autor: Dr. Rudolf Ramsauer, Direktor Unternehmenskommunikation, Nestlé S.A.
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