Lesetipp
„Internationale Politik“ aktuell und hintergründig
von Daniel Brühlmeier | Januar 2020
Die Zeitschrift Internationale Politik (IP) erscheint in völlig neuer Aufmachung. Sie bietet einen attraktiven Mix von aktuellen und vertiefenden Beiträgen. Das Titelthema der neusten Ausgabe ist dem «Zeitalter der Städte» gewidmet.

Die Zeitschrift Internationale Politik (IP) wird seit 1995 von unserer Schwesterorganisation, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), als renommiertes Fachorgan für Internationale Beziehungen herausgegeben. Als Nachfolgepublikation des von Wilhelm Cornides gegründeten «Europa-Archivs» ist IP das älteste Forum für Analysen und zeitgeschichtliche Dokumente zur internationalen Politik in Deutschland. Mit der Nummer 6 des 74. Jahrgangs von November/Dezember 2019 erscheint die zweimonatliche Zeitschrift in neuer Aufmachung und mit dem Untertitel «Das Magazin für globales Denken».

IP hat in diesem neuen Gewand verschiedene Rubriken: Foyer, Titelthema, Weltspiegel, Positionen. Im Foyer wird relativ locker auf aktuelle Fragen und Ereignisse eingegangen. Hervorzuheben ist hier ein Porträt des neuen Hohen Vertreters der Europäischen Union für Aussenpolitik, Josep Borrell Fontelles, aus der Feder eines Landsmanns, Miguel Otero-Iglesias. Borrell ist ein herausragender Wissenschaftler (Ingenieur, Ökonom, vor allem aber Mathematiker), der es als solcher bis zum Präsidenten des EHI in Florenz geschafft hat, und er erfüllte jung mehrere Ministerposten in Spanien in sozialistischen Regierungen. Auf europäischer Ebene war er schon Präsident des EP. Seinen neuen Posten wird der intelligente und willensstarke Borrell nicht als Verwalter angehen, sondern als entschlossener Stratege und Visionär, der die EU international auf Augenhöhe mit China und den USA heben will. Seine Schwächen sind am ehesten im mangelnden Teamgeist, seinem cholerischen Charakter und seinem zuweilen sachlich zwar gerechtfertigten, aber ausgeprägt undiplomatischen Auftreten zu sehen.

Titelthema: «Zeitalter der Städte»
Schwerpunkt, Titelthema dieser Ausgabe ist das «Zeitalter der Städte», das schon als Charakterisierung des 21. Jahrhunderts bemüht wurde. Städte haben ein riesiges Potential, sind dynamische Treiber des Neuen, solange sie die ihnen gewisse und inhärente Freiheit der Meinung und des Ausdrucks wahren können (so Susanne Hegg, Stadtforscherin an der Goethe-Universität Frankfurt). Solange gibt es auch in grossen Städten weiterhin öffentlichen Raum, der allenfalls von gated communities in grossem Stil, die auch das staatliche Gewaltmonopol erodieren lassen, bedroht wird. Eine zweite ausschliessende und damit konfliktschürende Gefahr kommt vom weltweit überall feststellbaren Split in den Städten von den Unmengen von Kapitalinvestitionen bindenden gläsernen Hochhausquartieren einerseits, nicht dazugehörenden und ausgeschlossenen, meist ärmeren Einheimischen und Indigenen andererseits. In eine ganz andere Richtung gehen von globalen Lieferketten getriebene Urbanisierungsmodelle wie Aussenhandels- oder Exportproduktionszonen (in grossem Stil in China). Hier wird dann aus der Sicht der Schwellenländer eine resolut «funktionale» Geografie bevorzugt (so vom Publizisten Parag Khanna); das Gedeihen dieser Städte hängt von Investitionen in grundlegende Infrastrukturen ab.

Städte haben aber auch eine internationale Dimension. Die (zumeist sozialistischen oder sonst linken) Bürgermeister(innen) organisieren sich über Nationalstaaten hinweg. Sie stellen sich als «Fearless Cities» gegen den neuen Autoritarismus, etwa in den USA, der Türkei oder in Polen (so Daniel Dettling). (Nach Erscheinen der IP-Ausgabe haben sich die vier Hauptstadt-Bürgermeister von Budapest, Warschau, Prag und Bratislava zum «Pakt der Freien Städte» zusammengeschlossen und fordern EU-Kohäsionsgelder direkt an Gemeinden.)

Die Rubrik Weltspiegel adressiert aktuelle internationale Brennpunkte, etwa Syrien, Brexit, Spanien oder Hongkong/Taiwan. Hervorgehoben seien hier zwei Beiträge, einerseits der Versuch (von Jordan Cohen und A. Trevor Thrall von der George Mason University), die demokratischen Kandidat(inn)en für die US-Präsidentenwahl aussenpolitisch anhand der beiden Dimensionen aussenpolitisches Engagement und Militärinterventionismus zu situieren. Das eingeübte Lager der Demokraten bilden die «traditionellen Internationalisten» mit hohen Indexwerten für beide Dimensionen; lange Zeit war dies ein parteiübergreifendes Lager, das von der Verantwortung der USA als Supermacht für die liberale Weltordnung und Interventionen in Krisensituationen überzeugt war. Heute findet sich praktisch nur noch Joe Biden in dieser Rolle. Die grösste Gruppe bilden die «jungen liberalen Internationalisten», die auf Teilung der globalen Macht tendieren und weniger Ambitionen und Enthusiasmus für den Einsatz von Militär setzen. Von letzterem völlig Abstand nehmen die «progressiven Internationalisten» (darunter prominent B. Sanders und E. Warren), die dagegen auf eine Priorität der Menschenrechte und Gerechtigkeit auch vor internationalem Handel setzen (und damit auch, wenn auch aus anderen Gründen, ähnlich protektionistisch wie Trump sein können). Originell, doch gelungen ist der Essay «Ich bin eine Gelbweste», der die Welt von hundert Gramm gelbem, in China produzierten und mit falschen Zolldeklarationen nach Europa exportierten Plastik, für den auch schon Karl Lagerfeld geworben hatte, aus sieht. Es fehlt eigentlich nur noch, dass einer der an dieser globalen Produktions- und Vertriebskette Profitierenden die Protestbewegung in Frankreich finanziell unterstützt.

Noch ist Polen nicht verloren
Unter Positionen finden sich eine Reihe von verschiedenen Beiträgen, etwa zum – durchaus möglichen, aber schwierigerem und aufwendigerem – Überleben des Multilateralismus (von Thorsten Brenner) oder ein interessanter Essay zum Populismus in Osteuropa (von Slavomir Sierakowski), der durchaus auch signifikante Unterschiede und unterschiedliche Perspektiven aufzeigt. Der polnische Autor endet mit polnischem Humor: «Hier scheitert jedes System. Der Faschismus scheiterte, der Kommunismus scheiterte; auch der Kaczysmus wird scheitern.»

Erfrischend ist, dass IP offensichtlich auch jüngeren vielversprechenden Wissenschaftlern in Internationalen Beziehungen eine Plattform gibt und nicht einfach auf grosse Namen aus ist. Andererseits fällt auf, dass einzelne Beiträge Zweitabdrucke sind oder gleichzeitig andernorts erscheinen.
Diese erste Nummer von IP in neuem Gewand gibt Lust auf weitere Lektüren.

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