Lesetipp
Von der Vielfalt der «Schweiz anderswo»
von Rudolf Wyder | Oktober 2015
Die Schweiz ist in hohem Masse ein Produkt der Ein- und Auswanderung. Weder die Geschichtsschreibung noch die aktuelle Politik nehmen das so wahr. Das Buch «Schweiz anderswo» schärft nun den Blick dafür.

«Ist es nicht denkbar, dass auch in unserem Land die Geschichte der ‚fünften Schweiz‘ eines Tages ebenso selbstverständlich zum Geschichtsrucksack gehört wie die Schlacht bei Marignano (1515) oder die spanische Eroberung Amerikas?» Der Satz entstammt nicht dem hier zu besprechenden Werk, sondern der drei Jahrzehnte älteren Studie des Teams um Carsten Goehrke über «Schweizer im Zarenreich». Doch der Stossseufzer ist 2015 um nichts minder aktuell. Und es ist heute dringender denn je, sich zu vergegenwärtigen, dass Wanderung a) der historische Normalfall und b) keine Einbahnstrasse ist.

«Die Schweiz anderswo» vereinigt die Referate und Papers eines Symposiums, das auf Einladung der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde und der Diplomatischen Dokumente der Schweiz im Juni 2012 an der Universität Bern stattgefunden hat.

Historiographische Beiträge wechseln ab mit Einzelstudien zu den Themenkreisen Nationalität und Identität, transnationale Vernetzung, behördliche Migrationssteuerung sowie internationale Regelungen. Die Themenpalette reicht vom Solddienst des 16. Jahrhundert und dem Gebrauch schweizerischer Nationalsymbole in Australien über den Schweizerischen Kurzwellendienst bis zur Mobilität und Vernetzung Hochqualifizierter. Insgesamt sind es 16 bunte Mosaiksteine, die auf unterschiedliche Weise von der faszinierenden Vielfalt des Phänomens der «Schweiz anderswo» zeugen. Dass sie sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen, ist der umsichtigen Einleitung der Berner Ordinaria Brigitte Studer und dem souveränen Essay des Altmeisters der schweizerischen Migrationsgeschichte, Leo Schelbert, zu verdanken.

Wie ist es gekommen, dass jeder zehnte Schweizer, jede zehnte Schweizerin ausserhalb der Landesgrenzen lebt? In welchem Verhältnis stehen sie zu ihrem Herkunftsland? Welchen kulturellen Austausch, welchen Wissenstransfer bewirken ihre Mobilität und ihre Netzwerke? Der Band liefert Informationselemente und Anschauungsmaterial zuhauf. Und damit auch Zugänge zum besseren Verständnis der internationalen Migration, die unsere Gegenwart immer stärker prägt.

Aufschlussreich die Studie von Georg Kreis über die frühen Jahre des «Auslandschweizerwerks» der Neuen Helvetischen Gesellschaft, das sich anfänglich weniger als Selbsthilfeorganisation denn als patriotische (und paternalistische) Anstalt verstand. Dass die Gründer der Auslandschweizer-Organisation (ASO) der Auswanderung zunächst durchaus skeptisch gegenüber standen, ist im Rückblick schwer nachvollziehbar. Aber nicht nur Konservative vertraten damals die Auffassung, Auswanderung verursache Lücken auf dem Arbeitsmarkt, was vermehrte Einwanderung nach sich ziehe und zu Überfremdung führe. Das hinderte die Gründerväter der ASO nicht, die Auslandschweizer zu idealisieren und den Daheimgeblieben als Vorbilder zu präsentieren.

Verblüffend der Nachweis, wie Söldner aus katholischen und protestantischen Kantonen in den Jahrzehnten nach Marignano in ihren Aufenthaltsländern zu Angehörigen einer zuhause inexistenten «Schweizer Nation» mutierten und die Aussenwahrnehmung in ihre Heimat zurücktrugen.

Überraschend die gegenläufigen sozialen Strategien der Schweizer im Neapel des 18. und 19. Jahrhunderts: Abgrenzung der schweizerischen «Elite» gegenüber dem lokalen Umfeld und Anlehnung an die über Konsulate verfügenden Franzosen und Engländer, umgekehrt rasche Integration der aus bescheideneren Verhältnissen stammenden Schweizer in die neapolitanische Gesellschaft. Im Ersten Weltkrieg werden sich, trotz Neutralität, mangelnde lokale Verwurzelung und die Existenz in einer «Parallelgesellschaft» rächen.

Der Band bietet nicht nur eine reizvolle und anregende Lektüre. Er vervollständigt auch eines jeden «Geschichtsrucksack» in opportuner Weise. «Die heutige Schweiz ist ein Produkt nicht nur der Binnenwanderung, sondern in wohl noch bedeutenderem Mass der Ein- und Auswanderung. Dieser Tatsache sollte», so Brigitte Studer, «nicht nur in der historischen Migrationsforschung, sondern auch in der Geschichte der Schweiz vermehrt Rechnung getragen werden.»

Brigitte Studer, Caroline Aerni, Walter Leimgruber, Jon Mathieu, Laurent Tissot (Hg.), Die Schweiz anderswo – La Suisse ailleurs, AuslandschweizerInnen – SchweizerInnen im Ausland, Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 2015 (318 Seiten, 31 Abbildungen, CHF 58).
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