Lesetipp
Aussenpolitisches Potpourri
von Christoph Wehrli | September 2018
Eine Sammlung von Texten zeigt historische und aktuelle Facetten der schweizerischen Aussenbeziehungen, der Europa- und der Weltpolitik. Vielfalt kommt dabei vor strenger Systematik.

Der frühere Diplomat Max Schweizer hat ein weiteres «Lesebuch» publiziert. Diesmal heisst das Thema der Textsammlung schlicht Aussenpolitik. Mit dem Untertitel «Schweiz, Europa, Welt» ist der Rahmen weit gesteckt, und zeitlich geht der Blick von der Aktualität ins ganze 20. Jahrhundert, teilweise noch weiter, zurück. So findet sich in dem Band das Für und Wider von Reisen eidgenössischer Parlamentspräsidenten ebenso wie ein Artikel über Stalins Taktieren im Koreakonflikt 1950. Ein Interview mit Thomas Hürlimann hat ebenso Aufnahme gefunden wie Auszüge aus Werken von Henry Kissinger. Und zu lesen ist Helmut Kohls bekannte Rückschau auf die deutsche Wiedervereinigung ebenso wie ein neuer Aufsatz über Bestrebungen, die Unabhängigkeit des Königreichs Hawaii wiederherzustellen, mit dem die Schweiz übrigens 1864 einen Handels- und Freundschaftsvertrag geschlossen hatte.

Memoiren der Grossen
Dass auch 65 Texte von insgesamt 450 Seiten kein repräsentatives Bild ergeben können, versteht sich von selber. Der Herausgeber erhebt denn auch keinen solchen Anspruch, wenn er laut Vorwort Wissen, Einblicke und Einsichten vermitteln, wenn er die Leserschaft anregen, berühren und gelegentlich auch unterhalten will. In dem Buch, das unter anderem für Unterrichtszwecke gedacht ist, sind, eventuell auszugsweise, etliche Darstellungen von Historikern sowie zahlreiche Zeitungsartikel, vor allem aus der NZZ, wiederabgedruckt, hingegen nur wenige Quellen direkt aus der Zeit, so zwei europapolitische Reden von Frank-Walter Steinmeier und Willy Brandt. Indessen bietet es Kapitel aus verschiedenen Memoiren, darunter Klassiker wie jene von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Der französische General und Präsident führt sehr unverblümt aus, wie er Freundschaft und Versöhnung mit dem einstigen Feind praktizierte, aber befürchtet, dass in einem europäischen Superstaat, einer «vaterlandslosen Konstruktion», Deutschland ein Übergewicht erlangen könnte.

Leiden von Diplomaten
George F. Kennan, der die USA in Lissabon vertrat, als sie die portugiesischen Azoren für ihren Luftkrieg in Beschlag zu nehmen planten, schildert in seinen Erinnerungen detailliert den Kompetenzwirrwarr in Washington und die Kommunikationsschwierigkeiten, denen er ausgesetzt war. Der Herausgeber mag stellenweise an die heutigen Verhältnisse in den USA gedacht oder auch Empathie mit einem gelegentlich einsamen Mann auf Aussenposten empfunden haben. Persönliches Interesse – Erfahrung im zuständigen Dienst in Bern – mag im Weiteren ein Grund dafür sein, dass protokollarische Fragen einigen Raum erhalten, seien es die zu bequemen Schuhe von Bundespräsident Kaspar Villiger beim feierlichen Empfang von Botschaftern oder seien es durchaus souveränitätsrelevante Streitereien um den Rang eidgenössischer Abgesandter nach 1648.

Schlaglichter und aktuelle Bezüge
Immer wieder wird eine eher ungewohnte Perspektive, vom Einzelnen her, eingenommen. Ein Schlaglicht auf den Banken- und Steuerstreit mit den USA werfen die Gerichtsverhandlungen über Raoul Weil. Der Schweizer Banker wurde in den USA schliesslich freigesprochen, erlebte aber eine vom politischen Kontext beeinflusste Justiz. Einen erfolgreichen Umgang mit China exemplifiziert Aussenministerin Condoleezza Rice anhand eines Fliegerzwischenfalls im Jahr 2001, bei dem die amerikanische Besatzung in Gefangenschaft geriet. Manchmal werden einem gewisse Bezüge zwischen verschiedenen Beiträgen nahegelegt. So wird die wirtschaftliche Neuausrichtung der Schweiz auf die Westmächte am Ende des Ersten Weltkriegs neben heutige Zeichen einer «China-Euphorie» gestellt. Oder es soll vielleicht von den Problemen der Schweiz mit der eingeschränkten Neutralität im Völkerbund ein Bogen geschlagen werden zum heutigen Disput um eine Mitwirkung im Sicherheitsrat der Uno (zu Wort kommt nur ein Gegner).

Versteckte politische «Botschaften» des Herausgebers sind vereinzelt zu vermuten, stellenweise enthalten die Vorbemerkungen zu den Kapiteln auch explizite Kommentare. Hingegen vermisst man regelmässige Angaben zu den Autoren, allenfalls eine Situierung des Textes und zum Verständnis notwendige Erläuterungen. Der harmlose Titel «Lesebuch» lässt wohl manche Kritik ins Leere laufen. Max Schweizer hat seine Auswahl in Freiheit getroffen, wünschen dürfte man sich dennoch etwas mehr Transparenz.

Max Schweizer (Hrsg.): Aussenpolitisches Lesebuch. Schweiz, Europa, Welt. Lit-Verlag, Wien und Zürich 2018. 454 S., ca. Fr. 60.-.
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