Lesetipp
Ist Israel friedensfähig?
von a. Botschafter Adrian Hadorn | September 2014
«Frieden ist die beste Option, wenn Israel Sicherheit haben will. Solange ein menschenwürdiges Leben in Gaza nicht möglich ist, werden wir auch in Israel nicht in Freiheit leben können.»

Das schrieb kürzlich einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller, David Grossmann, im «Bund», als Agypten endlich dem grauenhaften Morden und Zerstören im Gazastreifen auf beiden Seiten (für wie lange?) einen Unterbruch aufdrängen konnte.

«Die einzige Friedensverhandlung ist eine Besiedlung des Landes, wir siedeln und bauen, und manchmal führen wir Krieg», sagte General Moshe Dayan nach dem Sechstagekrieg von 1967.

Dieses Minenfeld unvereinbarer Aussagen beleuchtet alt Botschafter Kurt O Wyss in seinem umfangreichen und sorgfältig aufgearbeiteten Buch zur «Mutter aller Konflikte im Nahen Osten». Das Buch ist bereits vor einem Jahr erschienen. Aber heute ist der richtige Moment, es in Erinnerung zu rufen und die Lektüre all jenen zu empfehlen, die versuchen zu verstehen und in diesem schier hoffnungslosen Kriegsgeschehen einige Körnchen von Wahrheit und letzte Spuren von Hoffnung zu finden.

Es ist ein schwer verdauliches Buch. Unerbittlich im Zusammentragen von Ereignissen und Aussagen, die uns den Atem verschlagen.

«Sie betraten das Dorf Safsah, dessen Einwohner die weisse Fahne aufgezogen hatten. Sie trennten Männer und Frauen, banden 50 bis 60 Bauern die Hände und erschossen sie am Rande eines Massengrabs. Sie vergewaltigten auch viele Frauen…Woher nahmen sie ein solches Mass an Grausamkeit, das dem der Nazis gleichkam? Sie haben von ihnen gelernt.» (S. 35. Das schrieb ein israelischer Zeitzeuge zu den israelischen Mordorgien im Unabhängigkeitskrieg 1948).

Unrecht ist auf Unrecht gehäuft worden, Unwahrheiten, Wort- und Faktenverdrehungen sind in Lokal- und Weltmedien eingespeist worden. Ein tödliches Verwirrspiel um Wahrheit und Gerechtigkeit über Jahrzehnte hin, welches die Lektüre dieses aufwühlenden Buches so spannend und schmerzvoll macht.

Kurt O. Wyss macht gleich in seiner Einleitung klar, welches der Hauptzweck des Buches sei:

«…nachzuweisen, dass Israel auch seit seiner Gründung nie das maximalistische Vorhaben aufgegeben hat, sich das ganze Territorium des historischen Palästina einzuverleiben oder zumindest unter seine Vorherrschaft zu bringen.»

Der Autor hat sich seit seiner Studienzeit und in seiner langjährigen diplomatischen Laufbahn intensiv mit dem Nahen Osten beschäftigt. Auch er war anfangs ein glühender Bewunderer Israels. Der Sechstagekrieg von 1967 schärfte seine Beobachtung und seine Beurteilung. All die Jahrzehnte seither versuchte er Antworten auf die Frage: Ist Israel friedensfähig?

Das Buch trägt ein umfangreiches Material zusammen, um diese Schlüsselfrage zu verneinen.

Die Macht, der zunehmend kritischen Weltmeinung, der arabischen Feindschaft und dem palästinensischen Widerstand zu trotzen, beruht auf drei Faktoren:

· Das israelische Monopol auf Atomwaffen

· Die überwältigende militärische Überlegenheit der konventionellen Streitkräfte und

· Der beinahe bedingungslose militärische und finanzielle Rückhalt des engen Bündnispartners USA.

Man könnte beifügen – und im Buch von Kurt O Wyss viele Belege dafür finden – dass Israels Geheimdienst und die omnipräsente jüdische Lobby weltweit bewirken, dass wenige wagen, kritische Fragen zu stellen. Der Literaturnobelpreisträger Günther Grass musste das erleben, als er in seinem Gedicht «Was gesagt werden muss» den Vorwurf erhob, dass die Atommacht Israel mit der Drohung, mittels eines Präventivschlages nukleare Anlagen des Iran zu zerstören, den Weltfrieden gefährde. Er wurde sofort des Antisemitismus bezichtigt und vom israelischen Innenminister mit einem Einreiseverbot belegt. (S. 165)

Selbstverständlich wird im Buch auch das Verhältnis der Schweiz zu Israel und zum Nahen Osten beleuchtet (S. 180-193). Die Genfer Initiative fehlt ebenso wenig, wie die Kritik des weltweit bestens vernetzten Basler Oscar-Preisträgers Arthur Cohn, der Micheline Calmy-Rey eine «einseitige Haltung zulasten Israels» vorwarf. Nicht unerwähnt bleibt die schweizerische Rüstungszusammenarbeit (S. 248) mit Israel.

Es ist beeindruckend und ein deutlicher Beweis für die hohe Kompetenz des Autors, wie präzise er vor anderthalb Jahren vorausgesagt hat, was heute um den Gazastreifen herum geschieht.

Das ganze Buch ist eine akribische Beweisführung für eine negative Antwort auf die eingangs gestellte Frage «Ist Israel friedensfähig?». Die Schlussbemerkungen vermögen dieser Beweislast keine plausible Zukunftsvision entgegenzusetzen: Sollen ein moderner Moses, ein neuer Charles de Gaulle oder Michail Gorbatschow (S. 245) bewirken, dass «Israel ein respektables und respektiertes Mitglied der Staatengemeinschaft» wird? Soll «ein moderner Mandela» die Palästinenser in einen nachhaltigen Friedensprozess
führen?

Es fällt schwer, nach der Lektüre dieses aufrüttelnden Buches den Gemeinplatz zu wiederholen: «Die Hoffnung stirbt zuletzt».

Zum besprochenen Buch: Kurt O. Wyss, Wir haben nur dieses Land. Der Israel-Palästinenser-Streit als Mutter aller Nahostkonflikte. Stämpfli Verlag, Bern, 2013.
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