Lesetipp
Über Bedrohungsgefühle und Distanzierungsreflexe
von Adrian Hadorn | Dezember 2015
Einen schonungslosen und trotzdem versöhnlichen Blick wirft der Historiker Jakob Tanner in seinem mehr als 600-seitigen Buch auf die Schweiz im 20. Jahrhundert. Das gilt ganz besonders für das Verhältnis zu Europa.

Der international hoch geschätzte Schweizer Historiker Jakob Tanner hat in der Buchreihe «Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert» den Fall Schweiz übernommen. Die Vorgaben waren für alle Länder-Monographien (8 Bände sind bereits erschienen) gleich: Länderspezifisches sollte mit europäischen und globalen Trends vergleichbar werden.

Jakob Tanner war der richtige Mann, um die eidgenössische Geschichte aus ihrer Selbstbezogenheit herauszulösen, die europäischen Verflechtungen auszuleuchten und auch danach zu fragen, wie Europa in die globale Dynamik hineingeworfen ist.

Es seien hier bloss zwei Aspekte des reich dokumentierten Buches herausgegriffen, die für die Aussenbeziehungen (sowohl was Geben wie Nehmen betrifft!) relevant sind:
• Bericht der Bergier Kommission: Aufarbeitung der schweizerischen Aussenbeziehungen im 2. Weltkrieg.
• Die schwierigen Beziehungen der Schweiz zu Europa nach dem EWR-Nein vom Dezember 1992.

Die Ergebnisse der Bergier-Kommission, welche die ganze Bandbreite der Innen- und der Aussensicht vom «Musterstaat» bis zum «Schurkenstaat» in unser schmerzliches oder selbstverzücktes Bewusstsein gerufen haben. Tanners Buch schöpft aus dem riesigen Material, das dieser helvetische Läuterungsprozess zu Tage gefördert hat.

Zum Beispiel die Rolle der Schweizerischen Nationalbank/SNB im Goldhandel: «…war der Schweizer Franken die einzige noch frei konvertible Währung. Zugleich war die Schweiz das einzige Land in Europa mit einem freien Goldmarkt…Deutschland brachte im Zuge seiner Eroberungsfeldzüge grosse Bestände des begehrten Edelmetalls unter seine Kontrolle, indem sie – sic! – die Währungsreserven der Zentralbanken in den besetzten Gebieten plünderte. Die SNB machte sich nützlich als Abnehmer dieses Raubgoldes. Fast vier Fünftel aller deutschen Goldlieferungen ans Ausland liefen über die Schweiz» (S. 275).

Zum Beispiel die Flüchtlingspolitik: «Bundesrat Eduard von Steiger prägte am 30. August 1942 die Metapher von der Schweiz als einem «vollen Rettungsboot», das, bei Strafe seines Untergangs, keine weiteren Hilfsbedürftige mehr aufnehmen könne» (S. 283). Das Kapitel liest sich heute mit besonderer Betroffenheit. Der Satz «fiktionale Bedrohungsgefühle erzeugen politisch wirksame Distanzierungsreflexe» (S. 285) gilt für damals wie für heute.

Zum Beispiel die Waffenlieferungen von staatseigenen Regiebetrieben nach Deutschland: «Insgesamt exportierte die Schweiz zwischen 1940 und 1944 wertmässig zehnmal mehr Waffen an die Achsenmächte (und ihre Verbündeten), als an die Alliierten…» (S. 274).

Das Buch von Jakob Tanner wird wohl ähnliche Reaktionen hervorrufen, wie die umfangreichen Berichte der Bergier-Kommission: Von Lob bis Verriss.

Das letzte - für Abergläubische: das 13. - Kapitel fasst die letzten 22 Jahre seit der äusserst knappen Ablehnung des EWR-Beitritts vom 6. Dezember 1992 zusammen. «Souveränitätsmythos und europäische Integration». Je näher man bei der Lektüre von Tanners Buch der Gegenwart kommt, desto reizender wird der Triangel Historiker – Journalist – Leser als Zeitzeuge. Tanner hat als Historiker beides: Sorgfalt für Faktenreichtum und Begabung für Synthese. Das hilft enorm beim eigenen Erinnern dieser Jahre.

Das Schlüsselwort heisst Bilateralismus: «Der Bilateralismus entwickelte sich im Verlauf der 1990er Jahre von einer Notlösung zur Routine und wurde anschliessend immer stärker als spezifisch schweizerischer Königsweg zwischen einem erweiterten Freihandelsabkommen und einer Vollmitgliedschaft im EWR gefeiert» (S. 509). In der geschichtstrunkenen Vision der nationalen Rechten, die sich als Hüterin der schweizerischen Unabhängigkeit versteht und gegen «fremde Richter» kämpft, heisst das: «Wilhelm Tell schoss sich auf den bösen Gessler aus Brüssel ein» (S. 500). Wie sehr die Schweiz in diesem Zeitraum bereits in die Europäische Union integriert war, zeigt ein symbolträchtiges Beispiel: «Als Nachfolgerin der vom EWR-Nein besonders krass geschädigten Swissair ist die SWISS also längst der EU beigetreten und transportiert dort als Lufthansa-Werbeträger den helvetischen Tugendkodex» (S. 527).

Jakob Tanner fasst die helvetische Gefühlslage am Ende dieses langen Jahrhunderts so zusammen: «Die Wahrnehmung schwankt, insbesondere in Krisenlagen, unvermittelt zwischen einem hochtrabenden Sendungsbewusstsein und akuten Bedrohungsgefühlen» (S. 562).

Er schliesst sein Buch aber mit dem versöhnlichen Satz: «Einem durch historische Erfahrung gewitzten Blick, zeigt sich, dass der neutrale Kleinstaat im Herzen des Kontinents keinen Grund hat, sich vor Europa zu fürchten» (S. 570).

Die Schweiz hat Glück, in stürmischen Zeiten historischer Selbstfindung und Fremdbeurteilung auf einige herausragende Historiker (insbesondere das Trio Jakob Tanner – Thomas Maissen – André Holenstein) und Historikerinnen zählen zu können.

Adrian Hadorn

Jakob Tanner, Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. C.H. Beck, München, 2015 (678 Seiten)
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