Lesetipp
Colonialisme sans colonies
von Rudolf Wyder | Juni 2021
Von Weltgeschichte und Aussenpolitik gibt es keinen Dispens, weder für ein Land noch individuell. Das zeigt exemplarisch eine Studie zur Geschichte der Algerienschweizer.

Die Rolle der Schweiz und von Schweizerbürgern im Kolonialismus wird allmählich aufgearbeitet. Kaum Beachtung gefunden hat bisher, wie sich «Schweizerkolonien» im Zuge der Dekolonisierung verhalten haben und was aus ihnen geworden ist. Am Beispiel der Algerienschweizer lässt sich exemplarisch zeigen, wie Schweizerinnen und Schweizer die Emanzipation eines kolonisierten Landes erlebten, wie sie in den Strudel eines Unabhängigkeitskrieges gerissen wurden, was «Rückkehr» in das Ursprungsland Schweiz bedeutete und was aus den Ansprüchen auf Entschädigung für ihren Existenzverlust wurde.

Mit ihrer verdienstvollen Studie wirft die Genfer Forscherin Marisa Fois auch ein Schlaglicht auf ein bislang vernachlässigtes Kapitel der Geschichte der «Fünften Schweiz». Diese wird gemeinhin in Kategorien von Auswanderung und Aufenthalt in fremden Ländern erzählt. Ausgeblendet bleiben in aller Regel Migrationsbewegungen ausserhalb der Schweiz und zumal die Rückkehr Vieler in die Schweiz.

In Französisch-Algerien bildeten die Schweizer – von den Franzosen abgesehen – nach dem Zweiten Weltkrieg die drittgrösste Gruppe von Europäern, und sie waren mit rund 2'000 Personen die grösste Auslandschweizergemeinschaft auf dem afrikanischen Kontinent. Viele lebten im Land in zweiter und dritter Generation. Einige waren als Unternehmer erfolgreich, viele wirkten im Handel, als Ingenieure, Facharbeiter und leitende Angestellte. Wie andere Europäer lebten die Schweizer zumeist von Einheimischen abgesondert, und sie erlebten die nach 1945 einsetzende nationale Emanzipationsbewegung als Bedrohung ihrer Existenz. Der ab Mitte der 50er Jahre einsetzende Unabhängigkeitskrieg bewog mehr und mehr, das Land Richtung Schweiz – oder im Falle schweizerisch-französischer Doppelbürger Richtung Frankreich – zu verlassen. Bis zur Unabhängigkeit Algeriens 1962 hatte sich die Schweizergemeinschaft so mehr als halbiert.

Zwischen Stuhl und Bank

Im Prozess, der zur Unabhängigkeit Algeriens führte, spielte die Schweiz eine höchst aktive Rolle. Nicht nur liess sie Vertreter der algerischen Unabhängigkeitsbewegung auf ihrem Territorium gewähren, auch fädelte sie Geheimgespräche zwischen den Konfliktparteien ein und schaltete sich schliesslich als Vermittlerin direkt in die Waffenstillstandsverhandlungen ein. Dies trug Bern die Anerkennung beider Seiten ein. Die Algerienschweizer hingegen gerieten dabei, wie die Studie von Fois eindrücklich aufzeigt, zeitweilig zwischen die Fronten. Von den algerischen Unabhängigkeitskämpfern den europäischen Kolonisatoren zugerechnet, wurden sie von den Anhängern der «Algérie française» als Vertreter eines Landes, das den Aufständischen eine Plattform bot, beargwöhnt und gerieten zunehmend ins Visier der 1961 gegründeten OAS (Organisation armée secrète).

Vertreter der Eidgenossenschaft rieten ihren Landsleuten zu Neutralität und zu Vorsicht, nahmen aber lange davon Abstand, zur Abreise zu raten. Ab 1955 wurden jedoch Schutzbriefe ausgegeben, später wurde für den Beitritt zum 1958 geschaffenen Solidaritätsfonds der Auslandschweizer geworben. Ab 1960 wurde den Algerienschweizern geraten, das Land zu verlassen, und man traf Absprachen mit den USA und Grossbritannien für eine allfällige Massenevakuation.

Für viele Algerienschweizer begann der Leidensweg freilich erst recht in der Schweiz. Sie fühlten sich nun doppelt entwurzelt und entfremdet: durch den Existenzverlust in Algerien auf der einen Seite, als Fremde im eigenen Land und als Flüchtlinge, denen man im Herkunftsland wegen ihrer kolonialen Vergangenheit zurückhaltend bis feindselig begegnete auf der anderen Seite. Erfahrungen, welche die Schweizer Rückwanderer mit den «pieds noirs» in Frankeich teilten. « Les rapatriés ont été victimes du colonialisme et des nationalismes que le même projet colonial avait nourris », resümiert die Autorin treffend.

Was folgte, war ein jahrzehntelanger Kampf der Algerienschweizer um Entschädigung für die durch Krieg, Requisitionen und Verstaatlichungen erlittenen Verluste. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich machte im Einklang mit dem Völkerrecht geltend, zuständig sei Algerien. Dieses verweigerte die Entschädigung ehemaliger Kolonialisten. Die Schweiz bemühte sich während Jahren um ein Entschädigungsabkommen mit Algerien, jedoch ohne Erfolg. Anstelle eines fremden Staates für Entschädigungsforderungen aufzukommen, lehnte sie konsequent ab. Der Kampf der Algerienschweizer, lange durch die Auslandschweizer-Organisation mitgetragen, zog sich über vier Jahrzehnte hin. Er wurde desto heftiger, je älter die Protagonisten und je aussichtsloser die Forderung wurde. Eine Entschädigung erfolgte nie; Bedürftige wurden an die Sozialhilfe verwiesen.

 

Die konzise, differenzierte und gut dokumentierte Studie macht deutlich, dass es sich ebenso beim Kolonialismus als auch bei der Dekolonisierung um vielschichtige und mehrdeutige Prozesse handelt. Der Blick auf dieses Kapitel der Migrationsgeschichte macht zugleich augenfällig, dass die Schweiz und ihre Landsleute keinen Dispens von globaler Geschichte beanspruchen können. « La manière dont les pays européens traitent, lisent, reconstruisent ou oublient et dissimulent leur passé colonial s’avère déterminante pour comprendre la géopolitique mondiale et questionner nos sociétés actuelles », konstatiert die Autorin. Dies gilt auch im Fall des «Kolonialismus ohne Kolonien».

 

Marisa Fois, Héritages coloniaux. Les Suisses d’Algérie, ISBN 978-2-88351-099-9, Seismo Verlag Zürich, 2021, 184 Seiten, CHF 34.00.

 
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